Neuss. Die Initiative "Aktiv im späteren Leben" soll die Seniorinnen und Senioren im Erfttal anregen, zusammen gesund zu bleiben. Was sich hier entwickelt hat, geht weit über einen einfachen Fitness-Kurs hinaus.
Bis sie 70 Jahre alt wurde, übernahm Renate die Rolle der Tagesmutter. Jeden Tag passte sie auf fünf Kinder auf. Doch nach ihrer Pensionierung und dem Verlust ihres Ehemanns fühlte sie sich plötzlich sehr einsam. In den letzten vier Jahren besucht sie regelmäßigerweise das Bürgerhaus im Erfttal, wo sie endlich Zeit für all jene Aktivitäten findet, die früher wegen mangelnder Mußezeit außen vor lagen. Dort trifft sie Freundschaften, spielt Brettspiele und betreibt seither im vergangenen Herbst auch zusammen mit anderen Sport.
Das Programm "Bewegung im Quartier" findet am Lotsenpunkt des Bürgerhauses in Erfttal statt, wo der Sportverband Neuss zusammen mit dem Sportamt diese Aktivität organisiert. An einem Mittwochnachmittag kommen ältere Damen aus diesem Wohngebiet zusammen, um unter der Leitung ihrer Trainerin Birgit 'Biggi' Flamm Sitzgymnastik durchzuführen. In dieser Woche nehmen zwölf Teilnehmerinnen an dem Kurs teil; Biggis Begleitung ist ein Satz bunter Gummi-Bänder, die verwendet werden, um Arm-, Schulter- und Rücksprünge zu üben. Auch Personen in Rollstuhlen können daran teilnehmen. Aus einer kleinen Musikanlage erklingt leise „Immer wieder geht die Sonne auf“ von Udo Jürgens. Während die Frauen miteinander reden und lachen, führt man Übungen wie zum Beispiel „Kühe melken“ oder „Eier stehlen“. Diese sind leicht nachzuahmen und fördern sowohl die Muskelausbildung als auch die Beweglichkeit. Biggi demonstriert jedes Mal eine Übung vor, wobei jeder Wecker seinen eigenen Tempos folgt – es besteht kein Druck: "Wir haben nur einen Termin - für den Kaffee", erklärt Biggi lässig.
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Diana Tschampel ist mit 59 Jahren die jüngste Teilnehmerin im Kurs. Sie lebt schon lange in Erfttal und ist im Bürgerhaus bei Aktionen immer wieder aktiv. Früher ging sie dreimal wöchentlich ins Fitnessstudio, als sie dann anfing, ihre Mutter zu pflegen, blieb dafür keine Zeit mehr. „Bewegung im Quartier“ sei für sie eine Möglichkeit, wieder langsam mit dem Sport anzufangen, erzählt sie.
Viele der beteiligten Frauen haben früher kaum mit Sport zu tun gehabt. Manche fehlte einfach die Zeit dafür, während andere Schwierigkeit sahen, Neuem auf eigene Faust nachgegangen zu sein. Diese Beobachtung macht auch Gudrun Jüttner, die Leiterin des Sozialamts der Stadt. Sie betont, dass man insbesondere sehr zugängliche Programme benötige, damit Personen Interesse fassen könnten, obwohl ihnen Sport bisher gleichgültig war. "Die gesellschaftliche Komponente ist zweifellos von großer Bedeutung", erklärt sie.
Nach dem Sportkurs verweilen die Teilnehmerinnen im Foyer des Bürgerhauses. Dort wird Kaffee serviert, dazu Kekse sowie winzige Käsescheibchen, welche in Rekordzeit verzehrt werden. Renate Los hat Osterplätzchen für jeden besorgt. Sie berichtet davon, dass als das Programm im Herbst begann, die Kosten vollständig durch das Sportamt der Stadt getragen wurden. Als die Finanzierungskredite zu Ende gehen sollten und es um den Erhalt des Kurses bang war, kamen die Damen selbst auf eine Idee. "Jede von uns trägt jetzt etwas bei", erklärt sie. Ihre gemeinsame Zielsetzung besteht darin, auch weiterhin wöchentlich Zeit miteinander zu teilen und ihre Fitness zu verbessern.
Wie Gösta Müller vom Sportverband Neuss erklärt, soll das Programm „Bewegung im Alter“ auch in weiteren Bezirken von Neuss eingeführt werden. Das Vorhaben läuft bereits in Meertal und Norf. Trotzdem zeigt sich einen unterschiedlichen Erfolg in den verschiedenen Orten. „Die Hingabe der Personen bei jedem einzelnen Lotsenspitz spielt dabei eine entscheidende Rolle“, so seine Aussage. Ebenfalls hebt Renate Loss hervor, dass Carina Flick, die Verantwortliche beim Lotsenspitzenprojekt Erfttal, maßgeblich mitwirkt: „Hier bringt sie ein enormes Vielfaches an Aktivitäten unter.“
Gösta Müller, der Seniorinnenschwerbeauftragte, betont, dass das Hauptproblem darin besteht, alte Menschen insgesamt zu erreichen. "Manche älteren Personen schließen sich in ihren Wohnungen ein", erklärt er. Carina Flick bemerkt ständig, wie Teilnehmer erst zögerlich an der Kaffeestation am Ende des Kurses teilnehmen, doch mit der Zeit entwickeln sie Freude dabei. Durch den Lotsendienst konnte Renate Los neue Kontakte innerhalb ihres Alterskreises knüpfen. Auch Diana Tschampel ist weiterhin eine treue Teilnehmerin im Programm. Sie findet, dass Elftal tatsächlich einem Dorf gleicht, wo die Bewohner zusammenhalten.
(vp jasi)
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